
Der Gesundheitsminister hat grünes Licht für die flächendeckende Nutzung der elektronischen Gesundheitskarte im Online-Betrieb gegeben. Dies bedeutet, dass Ärzte und Kliniken nunmehr vermehrt auf digitale Patientenakten zugreifen und diese bearbeiten können. Die Entscheidung soll zu einer besseren Vernetzung im Gesundheitssystem und folglich zu einer verbesserten Versorgung der Patienten führen.
Andere warnten vor tödlichen Gefahren durch Cyberangriffe auf Medizingeräte.
Der Weg für den Aufbau der telematischen Infrastruktur für das gesamte Gesundheitswesen an diesem Ortzulande ist mit rund 12 Jahren Verspätung frei. Der "Rollout" könne starten, verkündete Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am Donnerstag stolz bei der 5. Output der Data Debates von Tagesspiegel und "Telefónica Basecamp" in Berlin. Die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) habe just am gleichen Tag entschieden, dass der im November begonnene Online-Testbetrieb der Basisfunktionen der Chipkarte "erfolgreich beendet wurde".
"Wir trauen uns zu, 70 Millionen gesetzlich Versicherte auf hohem Datenschutzniveau miteinander zu verbinden", kündigte Gröhe als nächsten Schritt an. Laut dem E-Health-Gesetz sollen bis 2018 alles in allem 217․000 Praxen, 21․000 Apotheken und 2000 Krankenhäuser gleichermaßen 2⸴3 Millionen Menschen aus Gesundheitsfachberufen an die telematische Infrastruktur angeschlossen werden. Damit kann Gröhe zufolge das Ziel angestrebt werden, mit der elektronischen Gesundheitskarte "Nutzen für die Patienten zu stiften". Offene Schnittstellen & Interoperabilität seien dafür wichtig.
Gesundheitscloud
Zugleich konnte sich der Minister einen Seitenhieb auf seine Kollegin im Wirtschaftsressort, Brigitte Zypries, nicht verkneifen, im Anschluss daran diese am Dienstag Eckpunkte für die digitale Gesundheitswirtschaft vorgelegt hatte. Er zeigte sich "begeistert", dass die SPD-Politikerin das Thema entdecke. Wenn diese sich im Voraus aber einmal "unter Fachleute" begeben hätte, wäre dies dem Papier zugute gekommen. Digitalisierung sei kein Selbstzweck – das Gesundheitswesen an sich brauche den Fortschritt.
Christoph Meinel, Direktor des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts für Systemtechnik, meinte, "dass Big-Data-Technik im Gesundheitsbereich wahnsinnig viel bringt". Das Institut entwickle somit eine "Gesundheitscloud", in der Patienten in der Zukunft selbst ihre Daten über das aktuelle Blutbild über die jüngste Röntgenaufnahme bis hin zur täglich mit dem Fitness-Armband gemessenen Herzfrequenz zusammenführen und verwalten können sollten. "Wir versprechen, sie sehr sicher zu verwahren", unterstrich Meinel. Der Nutzer bestimme dann selbst, ob er die Informationen für bestimmte Zwecke wie Zugriffe durch eine Gesundheits-App freigebe.
Der Chef der Helios-Kliniken, Francesco de Meo, gab bekannt, dass eines der zu dem Verbund gehörenden Krankenhäuser in Berlin-Buch eben einen Testlauf für ein eigenes Cloud-Erzeugnis in Form eines Patientenportals begonnen habe. Darüber können Nutzer etwa Listen für die Vor- und Nachsorge und die Speisekarte abrufen, Beschwerden eingeben oder Unterlagen anfordern. "Nach wenigen Tagen machen bereits 400 Patienten mit", freute sich de Meo. Eine Genehmigung der Datenschutzbehörde der Hauptstadt dafür zu bekommen, sei schwer gewesen.
Knackpunkt Medizingeräte
Als "größten Knackpunkt" machte de Meo so nicht den Datenschutz, vielmehr Medizingeräte aus, "die übers Internet gewartet werden". In Krankenhäusern gebe es so "massiv" Apparate die für Hackerattacken anfällig seien. Ein Patient sei darum schon gestorben. Es sei zwar nicht die Zielrichtung von Trojanerprogrammierern, "Menschen zu töten". Bei Erpressungsversuchen mit Ransomware wie WannaCry nähmen die Hintermänner aber in Kauf, "dass sehr viel schrecklichere Dinge passieren".
Als "Elefant" im Porzellanladen bezeichnete ebenfalls Enno Park, Vorsitzender des Vereins Cyborgs der sich der "Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik" verschrieben hat, weniger den Datenschutz als vielmehr Phänomene wie WannaCry aus. Falls sein Gehörimplantat mit dem Internet verbunden wäre, "würde ich mich sehr unwohl fühlen", erklärte der Informatiker. Das Netz sei im Allgemeinen nicht sicher genug, "um vitale Systeme daran zu hängen". Bei der Zertifizierung etwa von Herzschrittmachern mit Datenanschluss seien die Standards viel zu minimal was Berichte über zahlreiche in den lebenswichtigen Geräten gefundene Sicherheitslücken gerade erst wieder untermauert hätten.
- "Statistisch gesehen": Mehrheit will keine Gesundheitsdaten mit Krankenkassen teilen ? noch
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