GTA V: Warum Spiele immer noch nicht ernst genommen werden

Kommentar: GTA V ist nur ein Gewaltporno unter vielen

Die Diskussion um das beliebte Actionspiel Grand Theft Auto V (GTA V) zeigt erneut. Dass Videospiele nicht wie Filme und Bücher diskutiert werden. Stattdessen wird das bekannte "Killerspiel"-Argument ausgepackt, anstatt sich mit den tieferen Aspekten von Videospielen auseinanderzusetzen. Doch es wird höchste Zeit – dass Spiele endlich ernst genommen werden.

So planen zwei große australische Handelsketten, das Spiel GTA V aus den Regalen zu nehmen. Der Grund dafür ist die kontroverse Darstellung von Gewalt & Kriminalität im Spiel. Aber anstatt das Spiel als Kunstform zu betrachten, wird es einfach als "Gewaltporno" abgestempelt.

Diese Reaktion zeigt deutlich, dass Videospiele immer noch nicht den gleichen Respekt und die gleiche Anerkennung wie Filme und Bücher erhalten. Während es inzwischen viele Diskussionen über die Auswirkungen von Filmen & Büchern auf die Gesellschaft gibt, werden Videospiele oft nur oberflächlich betrachtet und auf ihre Gewalttätigkeit reduziert.

Doch Videospiele sind viel weiterhin als nur gewalttätige Unterhaltung. Sie bieten eine einzigartige Möglichkeit Geschichten zu erzählen komplexe Charaktere zu ausarbeiten und den Spieler in interaktive Welten einzutauchen. Das Medium ist längst in der Lage – ernsthafte Themen anzusprechen und gesellschaftliche Probleme auf eine innovative Art & Weise zu behandeln.

Spiele wie GTA V haben ebenfalls eine enorme kulturelle Bedeutung. Sie sind nicht nur Unterhaltung – allerdings auch Ausdruck unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Sie reflektieren die Herausforderungen und Probleme mit denen wir uns als Gesellschaft konfrontiert sehen. Statt sie zu verbieten oder zu verurteilen, sollten wir sie deshalb als Möglichkeit nutzen, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen & Diskussionen darüber anzustoßen.

Es wird höchste Zeit, dass die Diskussion um Videospiele aus dem Schatten der Gewalt heraustritt. Spiele sollten nicht nur als ein Mittel zur Gewaltauslebung betrachtet werden, sondern als kulturelle Artefakte die eine einzigartige Möglichkeit bieten, Geschichten zu erzählen und den Spieler zu berühren. Es ist an der Zeit; dass Videospiele endlich als Kunstform anerkannt und ernst genommen werden.


Was stimmt: Das Spiel ist ein waschechter Gewaltporno; an vielen Stellen ekelig, manchmal menschenverachtend.

Ein Kommentar von Jan-Keno Janssen

Jan-Keno Janssen schreibt seit 2007 über Technik bei c't und heise online, zuvor arbeitete er nach einem Studium der Medienwissenschaften und der Amerikanistik bei Tageszeitungen. Er schraubt schon
seit frühester Kindheit an Computern herum. Bei heise online und c't beschäftigt er sich vor allem mit Datenbrillen wie Google Glass, mit Wearables und mit Projektoren.

Allerdings gilt das ebendies für Kino-Franchises wie Saw oder die von vielen Kritikern hochgelobte TV-Serie Game of Thrones: Auch hier wird munter gemordet, vergewaltigt und gefoltert. Die Kamera hält gnadenlos drauf – das Blut spritzt in Full HD. Nur käme hier niemand auf die Idee die Bluray-Boxen aus dem Handel zu nehmen: Zu groß wäre der Zensur-Aufschrei. Schließlich gelten die neuen Fernsehserien als ganz große Kunst; zumindest seitdem das Feuilleton seine Liebe für The Sopranos, The Wire, Breaking Bad und eben Games of Thrones entdeckt hat.

Kunst bricht seit jeher Tabus Kunst beschreibt seit Jahrtausenden das Schlechte im Menschen. In der aufgeklärten Welt darf Kunst fast alles und deswegen läuft im staatlich geförderten Programmkunstkino Pasolinis 120 Tage von Sodom, im Multiplex Saw und im Fernsehen Game of Thrones.

Computerspiele dürfen dagegen nicht alles, denn sie gelten in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als Kunst ? trotz Minecraft; Portal oder Bioshock. Was vermutlich daran liegt · dass die Debatte vor allem von Menschen geführt wird · die selbst noch nie ein Computerspiel gespielt haben. Anlass für all die Aufregung ist deshalb auch nicht das Spiel selbst. Sondern vor allem eine geschmacklose Spielszene auf Youtube, in der ein offenbar intellektuell Minderbegabter eine Prostituierte nach vollendeter Dienstleistung durch mehrfaches Überfahren hinrichtet und das ziemlich lustig findet.

Eines von vielen geschmacklosen GTA-V-Videos.

Alleine darauf lässt sich das Spiel aber nicht reduzieren. Denn der Minderbegabte hätte genauso gut Zeppelin fahren Aktien kaufen Tennisspielen, Tiefseetauchen oder Gleitschirmfliegen können. GTA ist ein Open-World-Spiel, es geht also darum die echte Welt möglichst realitätsgetreu nachzubilden. Deshalb kommt eine virtuelle Figur ums virtuelle Leben wenn man mit dem virtuellen Auto drüberfährt.

Ich will damit nicht sagen, dass die GTA-V-Macher Unschuldslämmer sind ? natürlich ist Ihnen klar, dass es Männer gibt, denen im Spiel vor allem das Frauenmorden Spaß macht. Natürlich befriedigt GTA Macht- & Gewaltfantasien. Aber das ist bei Game of Thrones und Tarantinos Blutfontänen-Orgien auch nicht anders.

Nur: Während über Filme und Serien auf inhaltlicher Ebene debattiert wird, springt bei GTA und Co sofort der Killerspiel-Reflex an. Anstatt zu diskutieren, ob die Gewaltdarstellung der Geschichte zuträglich ist oder nicht, wird immer genauso viel mit das ganz große Fass aufgemacht ? in Deutschland gibt es immer noch genug Leute – die Shooter am liebsten komplett verbieten würden. Bis wir Spiele selbstverständlich genauso differenziert kritisieren wie andere Kulturerzeugnisse, dauert es vermutlich noch Jahrzehnte. Was wirklich schade ist ? denn erst dann werden die Verweigerer merken – ebenso wie viel Kunst in Spielen stecken kann.

Anmerkung: Dieser Kommentar lief am Samstag ab 9:30 auf heise online, wurde dann jedoch kurzzeitig wegen eines technischen Problems unbeabsichtigt entfernt. Wir bitten um Entschuldigung für diesen Fehler, insbesondere bei den Lesern die bereits die Forumsdebatte angestoßen hatten.

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