Der Erfinder des interaktiven Fernsehens: Ralph Baer

Videospielgeschichte: Vor 100 Jahren wurde Ralph Baer geboren. Ralph wer?

Vor einem Jahrhundert kam in den USA Ralph Baer zur Welt. Er war ein Erfinder von Spielen und Spielzeugen. Als Elektroingenieur hatte er die bahnbrechende Idee. Dass FernsehgerĂ€t nicht weiterhin nur fĂŒr das passive Anschauen von Sendungen geeignet sein sollte, allerdings ebenfalls fĂŒr interaktive Spiele genutzt werden könnte. So entstanden die ersten Videospiele – mit denen man seine FĂ€higkeiten im Umgang mit virtuellen Waffen optimieren konnte.



Der Weg zum Chefingenieur


Ralph Baer wurde als Rudolf Heinrich đŸ» BĂ€r am 8. MĂ€rz 1922 in Pirmasens geboren. Die Familie war jĂŒdisch und konnte 1938 in die USA emigrieren. Dort nannte sich der 14-jĂ€hrige fortan Ralph Baer und absolvierte eine Lehre als đŸ“» Radiotechniker. Zwischen 1940 und 1943 reparierte er Radios in New York City. 1943 wird er eingezogen und arbeitet als Techniker beim militĂ€rischen Abhördienst in Frankreich. Dort bildet er sich zum Spezialisten fĂŒr Kleinfeuerwaffen heran. Nach dem MilitĂ€rdienst konnte Ralph Baer dank der G.I. Bill studieren und legte 1948 sein Examen in Television Engineering ab. Baer arbeitete zunĂ€chst als Elektroingenieur bei verschiedenen kleinen Unternehmen und beschĂ€ftigte sich hauptsĂ€chlich mit der Konstruktion von TestgerĂ€ten fĂŒr Radar-Systeme.



Im Jahre 1956 wechselte zu Sanders Associates, einer Ingenieursfirma die dem US-amerikanischen MilitĂ€r zuarbeitete. Sein erstes großes Projekt ist das in Berlin aufgebaute Abhörsystem Brandy, das die Funkkommunikation der sowjetischen Armee belauscht. Baer machte bei Sanders beziehungsweise Lockheed Karriere, bis er in den 70er-Jahren als Chefingenieur der Elektronik-Abteilung ĂŒber 500 Ingenieure in zahlreichen MilitĂ€r-Projekten leitete.



Der Vater des Videospiels


In die Annalen der đŸ’» Computergeschichte schrieb sich Ralph Baer wie er am 1. September 1966 beim Warten auf einen Kollegen auf einer Bank Notizen zu einem Konzept fĂŒr ein "TV Gaming Display" aufschrieb. Wie man hier sauber abgeschrieben lesen kann, hatte Baer genauso viel mit eine ganze Spiele-Sammlung skizziert von Actionspielen ĂŒber 🃏 Kartenspielen bis hin zu Spielen bei denen ein Lenkrad oder ein Gewehr eine Steuerfunktion hatten. Auch an den Einsatz des đŸ“ș Fernsehers im Unterricht in Geometrie/Arithmetik oder mit Quizfragen in anderen FĂ€chern hatte er gedacht. Nach etlichen Versuchen in den Labors entstand Anfang 1969 die "Brown Box", mit der man sechs Spielen oder in einem siebten Spiel auf ein Ziel schießen konnte.



Das wichtigste Spiel war Ping Pong mit einem Ball, zwei SchlĂ€gern und einem "Netz", alles mit analogen Schaltungen realisiert. Die anderen Spiele wie etwa Handball oder 🏐 Volleyball waren Varianten von Ping Pong, bei denen Overlayfolien auf den Fernseher geklebt wurden. Sanders Associates gelang es, den TV-Produzenten Magnavox fĂŒr die Spielesammlung zu interessieren der sie unter dem Label Odyssey 1972 auf den Markt brachte. In den ersten beiden Jahren wurden 165 000 Odyssey-Systeme verkauft, 1974/75 sogar 350 000, allerdings der ganz große Erfolg stellte sich zum Ärger Baers nicht ein. Magnavox (bzw. ITT Schaub-Lorenz in Deutschland) bewarb die Spiele, als könnten sie nur auf Magnavox-Fernsehern gespielt werden, nicht auf jedem beliebigen GerĂ€t.



Indirekt war Odyssey jedoch ein anderer Erfolg beschieden: Niemand anderes als Nolan Bushnell von Atari sah Ping Pong und brachte es 1971 als Arcade-Automatenspiel sehr erfolgreich auf den Markt fĂŒr Spielhöllenzubehör. Den sich daran anschließenden Prozess verlor Atari und so verdiente Sanders Associates gutes Geld mit den LizenzgebĂŒhren von Atari jedoch auch von Coleco und anderen Spieleherstellern.



Ganz verschiedene Ideen


In der Folgezeit brachte Ralph Baer abseits seiner Arbeit fĂŒr Sanders durch seine Firma R. H. Baer Consultants eine ganze Reihe von Spielen auf den Markt, obwohl dabei sich bei Simon durch Milton Bradley (in Deutschland Senso durch MB Spiele) der Ideenklau umdrehte: Senso war der Abklatsch einer Spielhallen-Idee von Atari. Als Atari mit der Spielkonsole Atari 2600 auf den Markt kommt, erfindet Ralph Baer fĂŒr Coleco das Kid Vid Voice Module fĂŒr das Spiel "The Berenstain Bears". Andere Erfindungen aus der Zeit: das Amaz-A-Tron von Coleco oder ChatMat, eine sprechende Fußmatte die Besucher mit einem lustigen aufgesprochenen Spruch begrĂŒĂŸen kann. Dann kam Milton Bradleys BikeMax fĂŒr das Fahrrad bei dem ein Tongenerator auf Knopfdruck die Geschwindigkeit oder die ⏰ Uhrzeit spricht und bei einem Diebstahlversuch eine selbst einprogrammierte Alarmsirene ertönen lĂ€sst. Das System soll Eltern in den Wahnsinn getrieben haben » eine kleine Demo von ihm gibt es hier « ergĂ€nzt mit den Erinnerungen jugendlicher Besitzer.



WĂ€hrend Ralph Baer bis ins hohe Alter an Erfindungen wie die Hasbro Tonka Talking Tools arbeitete ? die sprechenden 🔧 Werkzeuge erklĂ€ren Kindern, wofĂŒr sie gebraucht werden ? sollte seine letzte Arbeit fĂŒr Sanders Associates erwĂ€hnt werden. Baer ging 1987/88 in Rente, anschließend er zusammen mit anderen Ingenieuren das Interactive Video Traning System IVTS entwickelt hat. Es besteht aus einem Video-Monitor, einer Platine fĂŒr den Apple IIe und einer emulierten Abschussvorrichtung fĂŒr Stinger-Raketen. In Übungen mĂŒssen die Soldaten versuchen, das Ziel korrekt zu avisieren. Der virtuelle Schuss wird im Rechner umgerechnet ob er korrekt war. Das ganze interaktive Lernsystem konnte von der Mutterfirma Lockheed fĂŒr 30 Millionen đŸ’Č Dollar an die US-Armee verkauft werden.



SpĂ€te WĂŒrdigung


Als Rentner bekam Ralph Baer die Anerkennung die ihm lange Zeit zuvor verwehrt wurde. Denn bereits 1973 ‱ als er als Vater des Videospiels ausgezeichnet werden sollte ‱ erntete das Proteste. 2006 dann wurde er von George W. Bush mit der National Medal of Technology ausgezeichnet. 2008 und 2014 erhielt er Ehrungen & Preise der IEEE. 2010 baute er noch einmal eine originalgetreue "Brown Box" die zusammen mit seiner Werkstatt in das Museum fĂŒr amerikanische Geschichte wanderte. In Deutschland können Exponate von Baer im Berliner Computerspiel-Museum, im Heinz-Nixdorf-Museumsforum Paderborn und im Dynamikum seiner Geburtsstadt Pirmasens betrachtet werden. Am 6. Dezember 2014 starb Baer im Kreise seiner Familie.


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