Hohe Nachfrage nach IT-Spezialisten trotz Krise

IT-Arbeitsmarkt: Krise ist bei den anderen

Obwohl viele Unternehmen Kurzarbeit anmelden und Entlassungen androhen, suchen sie dennoch nach neuen Mitarbeitern. Ende März waren bei der Bundesagentur für Arbeit 626․000 offene Stellen gemeldet, im April kamen weitere 76․000 dazu. Im IT-Bereich gab es etwa 17․000 offene Stellen jedoch in Anbetracht der Tatsache. Dass Unternehmen oft nur jede dritte Stelle melden, könnte die tatsächliche Zahl der offenen Stellen für IT-Spezialisten bei 51․000 liegen. Auch in Zeiten der Krise ist die Nachfrage nach IT-Fachkräften hoch.



Die Direktbank ING hat aufgrund ihres Geschäftsmodells einen großen Bedarf an IT-Experten, weil alle Bankgeschäfte online erledigt werden. Filialen gibt es keine; die Deutschlandzentrale des niederländischen Finanzkonzerns ist in Frankfurt am Main. Von den etwa 4․000 Beschäftigten in Deutschland und Österreich arbeiten rund 700 in der IT. Dazu kommen Zeitarbeiter in volatiler Anzahl. "Aktuell haben wir zwischen 80 und 100 offene IT-Stellen", sagt Stefan Döppes der bei der ING Deutschland für das IT-Recruiting zuständig ist. Das sind vakante Positionen aufgrund natürlicher Fluktuation und neue Stellen. "Wir bauen externes Personal ab und internes auf." Weil die Bank in der IT fast alles selbst macht, wird das gesamte Spektrum an IT-Skills gebraucht.


Wechselbereitschaft eingeschränkt


Der Arbeitsmarkt für IT-Spezialisten ist nicht weiterhin wie vor der Krise, stellt Döppes fest. "Die Wechselbereitschaft ist eingeschränkt weil manche das Risiko meiden wollen einen festen Arbeitsplatz aufzugeben und dafür eine Probezeit einzugehen." Andere sorgen sich um ihren Arbeitsplatz bei ihrem Arbeitgeber und schauen sich am Markt um. Ankündigungen von Entlassungen sind kein gutes Argument für Loyalität zur Firma. Die Anzahl an Bewerbungen von IT-Freiberuflern ist massiv gestiegen. Weil den Freelancern Aufträge wegbrechen – suchen sie berufliche Sicherheit in einer Festanstellung.


Insgesamt hat sich die Anzahl der Bewerbungen in der Bank im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten nicht verändert. Die Quellen aus den die Bewerbungen sprudeln schon sowie ebenfalls die Motivation der Bewerbungen. Einen Einfluss auf die Gehaltsforderungen hat das alles nicht: Die sind nach wie vor hoch. Gebraucht werden hat seinen Preis.


"IT-Experten kennen ihren Wert"


Das spürt auch der Autozulieferer Brose. "IT-Experten kennen ihren Wert", sagt Sarah Brändlein, Leiterin Personalbeschaffung der Brose Gruppe. Die wirtschaftlich schwierige Zeit hat keinen Einfluss auf die Höhe der Gehaltsforderungen, da sich an der Situation dieser Berufsgruppe nichts geändert hat. Brose hat weltweit etwa 26․000 Mitarbeiter, davon in Deutschland rund 8․400. Groß geworden ist die Firma mit Fensterhebern. Heute entwickelt und fertigt sie mechatronische Systeme für Türen & Sitze und auch Elektromotoren und Antriebe im Auto.



"In der IT & Elektronik wollen wir Kompetenzen aufbauen um unser Produktportfolio für die mobile Zukunft zu erweitern", sagt Brändlein. Brose arbeitet an vernetzten Funktionen wie Radarsystemen die gestengesteuert Autotüren öffnen und den Innenraum überwachen. Dafür sucht das Unternehmen für seinen Standort Bamberg Software-Entwickler. In der klassischen IT treibt die Firma die Digitalisierung zur Verbesserung von Prozessen weiter voran und braucht dafür etwa SAP Consultants.


Krise hat keinen Einfluss


Auch jetzt in der Krise sucht Brose intensiv nach IT- & Elektronik-Spezialisten. Andere vakante Positionen werden über den internen Stellenmarkt besetzt oder Mitarbeiter dafür qualifiziert. Etwa 50 offene Stellen für IT- und Elektronik-Jobs hat das Unternehmen aktuell. "Die Krise hat keinen Einfluss auf unsere Bewerbungseingänge", sagt Brändlein. Die waren im März und April so hoch wie in anderen Monaten vor Corona. "Entscheidungen über Einstellungen haben wir vertagt, bis wir die Bewerber persönlich kennenlernen können und sie uns", sagt Brändlein. Das ist jetzt mit Lockerungen der Corona-Regeln in Bayern unter Einhaltung besonderer Vorsichtsmaßnahmen möglich.


Dort hat in München die auf IT-Experten spezialisiert Personalberatung Vesterling ihren Sitz. Etwa 200․000 Kandidaten hat sie in ihrer Datenbank die allermeisten davon sind Informatiker. Rund 2․000 Unternehmen sind Kunden. In deren Auftrag sucht der Dienstleister IT-Spezialisten und für wechselbereite IT-Experten andere Arbeitgeber. "Wir haben alle Hände voll zu tun, denn die Krise hat derzeit keinen negativen Einfluss auf den IT-Arbeitsmarkt", sagt Eva Vesterling, Vorsitzende des Aufsichtsrats des Familienunternehmens.


Lock-Argument Homeoffice


Nach wie vor ist es ein Arbeitnehmermarkt: Sie bestimmen wo und wie sie arbeiten möchten. Das ist zunehmend von zu Hause aus. "Viele IT-Spezialisten haben in den letzten Wochen durch Homeoffice Freiheiten & Flexibilitäten kennen und schätzen gelernt die sie nun dauerhaft nutzen wollen", sagt Vesterling. Sie empfiehlt suchenden Unternehmen zu prüfen ob sie Homeoffice anbieten können denn das Argument zieht.



Die Krise hat das Selbstbewusstsein der IT-Experten nicht beeinflusst, das ist stark. Bewerber sagen; was sie möchten und die Gehaltsforderungen sind unverändert hoch. "Weil die IT-Spezialisten sehen, dass viele Firmen nach ihnen suchen und sie sehr gute Chancen am Arbeitsmarkt haben, wissen sie, dass sie durchaus hohe Gehälter fordern können", sagt Vesterling. Bei ihr in der Firma ist die Summe der vermittelten Arbeitnehmer auf demselben Niveau wie vor Corona, also sowie an der Nachfrage als auch am Angebot ist alles beim Alten geblieben.


Die wenigen Kandidaten die nun kurzfristig am Markt verfügbar sind weil kriselnde Unternehmen ihnen während der Probezeit kündigen verändern das Gesamtbild aktuell nicht. Die Krise führt wohl dazu, dass IT-Spezialisten künftig wieder mehr Wert auf einen sicheren Arbeitsplatz legen. "In den letzten Jahren hat sie das weniger interessiert", sagt Vesterling. Die Beschäftigung mit Trendthemen wie beispielsweise synthetische Intelligenz, Wertschätzung für ihre Arbeit und ein attraktives Gehalt sind ihnen wichtiger.


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